Max Emanuel

Zwischen Leidenschaft und Staatsraison. Briefe von Kurfürst Max Emanuel von Bayern an Agnès Lelouchier 1701-1716.
Regine Mainka-Tersteegen
Starnberg. Apelles Verlag, 2026. 368 Seiten, 16 Abbildungen. ISBN 978-3-946375-15-9

Zum 300. Todesjahr des Kurfürsten Max Emanuel ist ein Werk erschienen, das den privaten Briefen an seine langjährige Geliebte, Freundin und Beraterin, Agnès Lelouchier, Gräfin Arco, gewidmet ist. Auf 368 Seiten hat die Autorin, Regine Mainka-Tersteegen, ihres Zeichens Romanistin und Historikerin, Auszüge aus dem Konvolut der rund 900 Briefe eingeordnet und kommentiert.

Dass Max Emanuel ein ambitionierter und stolzer Herrscher war, ist uns vielfach überliefert. Dafür hat er nicht zuletzt selbst gesorgt. Auch seine Schlösser zeugen davon. Eine ganz neue Perspektive auf die Herrscherfigur ergibt sich nun aber über die Veröffentlichung seiner Briefe.

Seinen Zeitgenossen war der Kurfürst bekannt als der große und glänzende Feldherr im Türkenkrieg. In Erinnerung geblieben ist aber auch seine Statthalterschaft bzw. sein Exil in Belgien und Frankreich, das er aus politischen Gründen gewählt hatte, später auch um der Verfolgung durch den Habsburger Kaiser zu entgehen. In seine Regierungszeit fallen rund zehn Jahre (1704-1714), in denen Bayern von kaiserlichen Truppen besetzt war, was zu einer grausamen Unterdrückung der Bevölkerung geführt hat. Die Sendlinger Mordweihnacht im Dezember 1705 ist ein Ereignis, das in diese Zeit fällt und die damalige Not der Bayern belegt.

Als absolutistischer Herrscher hat sich Max Emanuel damit beschäftigt, für sein Haus, seine Person und seine Nachkommen die Wirkung in der höfischen Welt zu gestalten, die er für angemessen hielt. Dazu gehörte eine üppige Hofhaltung, ganz egal, wo man sich gerade aufhielt, und ein reges gesellschaftliches Leben mit allen verfügbaren Vergnügungen wie Jagd und Spiel. Häufig waren Gedanken um Hofhaltung, Repräsentation und die Auswahl der Inneneinrichtung in seinen Exil-Residenzen für ihn von höherer Priorität als alle Gedanken an die notleidenden Untertanen.
Auch das belegen seine Briefe. An seinen Untertanen hatte er allenfalls ein mittelbares Interesse. Bis heute gilt Max Emanuel als ambivalente Herrscherfigur zwischen eigenem Anspruch und der bayerischen Realität seiner Zeit.

An der offiziellen Oberfläche war Max Emanuel niemals ein Zweifler. Stets überzeugt von seinen Fähigkeiten und Optionen, hat er keine Gelegenheit ausgelassen, um sich in ein Getümmel zu stürzen, das zum Glanz seiner Person und seines Hauses hätte beitragen können. Ein Herrscher mit Ambitionen, Bayern zu etwas Größerem zu machen – oder es auch für eine Krone einzutauschen. Gleichzeitig lernen wir in seinen Briefen aber auch einen gefühlvollen Barockmenschen kennen, der an seiner Zerrissenheit leidet.

Durch die Briefe Max Emanuels an seine Geliebte und Vertraute erhalten wir einen ganz persönlichen und direkten Zugang zur Gemütswelt des Kurfürsten. Nicht umsonst entschuldigt sich die Autorin am Ende ihrer Einführung für das Eindringen in die Intimsphäre des Kurfürsten, den wir als besorgten Liebhaber, als sich windenden Schwerenöter zwischen mehreren Frauen, aber auch als liebevollen Vater erleben, wenn es um den gemeinsamen Sohn mit der Gräfin Arco geht. Für diesen Sohn, den Chevalier de Bavière, findet er väterliche Worte, die eine Zärtlichkeit aufweisen, die seine legitimen Kinder vielleicht nie erfahren haben.

Das alles fühlt sich beim Lesen so nah und menschlich an, dass man schon ein wenig verblüfft ist, wie wenig sich die Universalien des menschlichen Lebens über die Zeiten hinweg verändern. Weit über das Emotionale hinaus können wir aber auch an seinen strategischen Überlegungen teilhaben, die ihn beim Taktieren zwischen dem Kaiser und Frankreich bewegen, aber auch an den Planungen zu seinen Strategien im Erbfolgekrieg. Wie wichtig dem Kurfürsten der Austausch mit der Gräfin war, können wir daran erkennen, dass er sogar eine Art Geheimcode entwickelt für den Fall, dass Briefe in falsche Hände geraten.

Attraktiven Frauen war Max Emanuel zeitlebens zugetan, ungeachtet seiner zwei Eheschließungen, die der Zeit entsprechend politisch und dynastisch motiviert waren. Die Beziehung zu Agnès Lelouchier war daher nicht die einzige außereheliche, aber auf jeden Fall diejenige, die eine lange Zeit und viele Krisen überdauert hat. Zwei Menschen scheinen sich hier auf Augenhöhe begegnet zu sein – zumindest was das Verständnis der Welt anbelangt.

Die empirische Leistung, die französisch geschriebenen Original-Briefe zu lesen, zu ordnen und ins Deutsche zu übertragen, können wir nicht hoch genug schätzen. Die unendliche Energie, die diese Arbeit erfordert hat, kann man sich nur ansatzweise vorstellen. Die Auswahl der Briefpassagen, die schließlich zu einer runden und sogar richtig spannenden biografischen Lektüre zusammengestellt wurden, ergibt ein sehr persönliches und lebendiges Porträt. Gemeinsam mit Max Emanuel fühlt man sich in Erwartung einer Antwort von der Gräfin Arco, auch wenn man weiß, dass diese selbst gar nicht überliefert ist. Von der Korrespondenz der beiden sind nämlich nur die Briefe erhalten, die Max Emanuel an die Gräfin geschrieben hat. Trotzdem wird der fehlende Gegenpart durch die sorgfältigen Antworten des Kurfürsten gut vorstellbar.

Im Aufbau folgt das Werk der Chronologie der Ereignisse. Davon ausgenommen sind einzelne Schwerpunktbetrachtungen, die besonderen Themen gewidmet sind, wie z. B. ein Schlaglicht auf das Leben im Exil der spanischen Niederlande (1711-1712), aber auch die Beleuchtung der Beziehung Max Emanuels zu dem schon erwähnten Chevalier de Bavière. Wenn man sich von diesem Buch noch zusätzlich etwas hätte wünschen dürfen, so wäre es vielleicht eine Landkarte gewesen, auf der die historischen Ereignisse und die Bewegungen Max Emanuels grafisch dargestellt gewesen wäre.

Sehr bereichernd ist auf jeden Fall der Exkurs zum Thema Krankheiten, den uns das Werk bietet, in dem es die (chronischen) Leiden des Kurfürsten und der Gräfin Arco zu erschließen versucht. Das gilt ebenso für das Kapitel zum weiteren Werdegang des Chevalier, das uns nochmals die Fürsorglichkeit Max Emanuels belegt, der auch für seinen erwachsenen Sohn noch wichtige Weichen für dessen Wohlergehen stellt. Die Fürsorglichkeit des Kurfürsten hat lebenslang angehalten.

Die Zeit Max Emanuels, die Türkenkriege, der Spanischen Erbfolgekrieg, die Besetzung Bayerns und auch die Zeit danach bis zum Tode des Kurfürsten ist historisch breit erschlossen. Was aus diesem Buch etwas ganz Besonderes macht, ist die Nähe zum Kurfürsten als Menschen im absolutistischen Kontext, die auf diesem Weg noch nach über 300 Jahren hervorragend herstellt wird. So können wir heute in seine Welt eintauchen und uns als heimliche Beobachter auf eine Zeitreise mitnehmen lassen.

Helga Frank, München im Juli 2026